Phono-Vorverstärker
Aus Klang & Ton 3/97
| MM oder MC? |
Betriebsspannung |
Meßwerte |
Klang |
Fazit |
Heute noch einen Plattenspieler als Programmquelle einzusetzen, kann
verschiedene Gründe haben; einer ist die unbestreitbare musikalische Qualität,
die ein guter Plattenspieler zu verbreiten mag, ein anderer das Interesse an
Musik, die nicht als CD verfügbar ist. In beiden Fällen hängt das erzielbare
Vergnügen nicht alleine von den Qualitäten des Laufwerkes, sondern in
besonderem Maße von denen des Phono-Vorverstärkers ab, der das Signal aus der
Rille aufbereitet.
Die Phonostufe zum modularen Vorverstärker, dessen
Mainboard und Linestufe Themen der vorausgegangenen beiden Folgen dieser Serie
waren, trägt diesen Bedürfnissen Rechnung. Um allen Anforderungen gerecht zu
werden, sollte es sogar zwei Phonovorstufen geben: Eine preiswerte Lösung mit
hohem klanglichen Anspruch, die allen Gelegenheitshörern gerecht wird, und eine
ultimative Lösung, die höchstwertigen Plattendrehern angemessen ist.
Von diesen ehemals zu ehrfurchgebietenden Summen
gehandelten Präzisionsmaschinen konnten 99 Prozent der ambitionierten
Musikliebhaber in vergangenen Tagen nur träumen. Heute sind viele dieser Objekte
stiller Begierde zu einem Bruchteil des ehemaligen Preises gebraucht zu erwerben,
sodaß sich alleine aus diesem Grund die Rückbesinnung auf den analogen schwarzen
Tonträger wieder in verstärktem Maß lohnt. Und wer seinen Plattenspieler selber
bauen will, findet bei Thomas Scheu aus Wuppertal neben exzellenten Bauteilen
auch das nötige Fachwissen hierfür.
Zwei Konzepte für eine Phono-Vorstufe (die
Positionen 1) und 6) des Textkastens) entstanden im Rahmen des modularen
Vorverstärkers. Beide sind in sich stimmig und können auf ein und derselben
Platine aufgebaut werden. Ihr wesentlicher Unterschied liegt in der Verwendung
von Stromquellen bei der aufwendigeren Schaltung, deren passives
Entzerrernetzwerk zudem niederohmiger dimensioniert ist.
Im Verlauf der Entwicklung fiel die Entscheidung, auf die Anpaßbarkeit der
Phonostufe an ein leises MC-System zu verzichten; die klanglichen Kompromisse
einer MC-tauglichen Schaltung waren zu groß, und es ließen sich wesentlich
bessere Resultate mit einem batteriebetriebenen Vor-Vorverstärker oder einem
guten Übertrager erzielen.
Die Entwicklung des Phonomoduls war ein
willkommener Anlaß, verschiedene Konzepte (siehe Textkasten) aufzubauen und
miteinander zu vergleichen. Neben acht verschiedenen hausgemachten Varianten
standen noch fünf kommerzielle Geräte zwischen 2.000 und 20.000 DM zur Verfügung,
was einen umfassenderen Überblick ermöglichte. Als Plattenspieler diente ein
Garrad 401 mit einem SME 3012 Tonarm und verschiedenen Abtastern. Die
Ausgangsspannung der MC-Systeme wurden über eine batteriegespeiste
Transistorstufe auf MM-Niveau gebracht.
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Die Phonostufe im Prototypen-Stadium. |
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Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Eine
Variante spielte sich an allen anderen locker vorbei, gleich, ob sie sich mit
den hausgemachten Prototypen oder den ausgewachsenen kommerziellen Geräten
messen mußte. Sie besteht aus einer passiven Entzerrung, die zwischen zwei
Verstärkerstufen in Improved-SRPP-Schaltung liegt.
Diese Stufen werden hier mit einem durch eine
Konstantspannungsquelle erzeugten Strom von etwa einem Milliampere betrieben,
um das Stromrauschen klein zu halten. Der Ausgangswiderstand jeder dieser
Stufen liegt - ohne interne Gegenkopplung - bei einem Kiloohm, was ideal ist,
um das passive RIAA-Netzwerk niederohmig auszulegen, und zudem einen
laststabilen Ausgang garantiert.
Üblicherweise befindet sich am Ausgang der ersten
Verstärkerstufe ein Koppelkondensator, der Gleichspannung von den folgenden
Stufen und insbesondere dem Entzerrernetzwerk fernhält. Dort können dann
handelsübliche einprozentige Kondensatoren mit 63 Volt Spannungsfestigkeit
verwendet werden. Diese geringe Toleranz ist wichtig, um die RIAA-Kennlinie
exakt einzuhalten.
Wie ausgiebige Hörtests ergaben, beeinträchtigt der
Koppelkondensator das Klanggeschehen allerdings deutlich, auch wenn er so groß
ausfällt, daß die untere Grenzfrequenz dieses Hochpasses einige Oktaven
unterhalb der Wahrnehmungsgrenze liegt. Aus diesem Grund wurde er hinter das
RIAA-Netzwerk gelegt, wo er weitaus weniger Schaden anrichtet. Zudem kann er an
dieser Stelle deutlich kleiner ausfallen, denn er "sieht" als Last nicht mehr
das niederohmige Entzerrernetzwerk, sondern den hochohmigeren Eingang der
zweiten Verstärkerstufe. Dadurch wurde es jedoch unumgänglich, für die
Entzerrung spannungsfestere Kondensatoren einzusetzen, die nicht mit Toleranzen
von einem Prozent erhältlich sind. Das bedeutet, jeden einzelnen Kondensator
individuell ausmessen zu müssen, bietet dafür aber die Möglichkeit einer
paarweisen Selektion der Bauteile, wovon die räumliche Abbildung merklich
profitiert: Sie gewinnt an Plastizität und Stabilität.
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Der Vorverstärker in Komplettbesetzung: Netzteil, Phono- und Line-Vorstufe
sind über Steckerleisten mit dem Mainboard verbunden. |
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Eine Betriebsspannung von 240 Volt versorgt die Schaltung mit Energie. Jede
einzelne Verstärkerstufe ist über einen Vorwiderstand und einen mit einem
KP-Folienkondensator gebrückten Elko von der Betriebsspannung entkoppelt; die
Stromquellen unterdrücken Störungen vom Netzteil nochmals um etwa 40dB. Masse
und Betriebspannung werden über die 20 poligen Steckverbinder kanalgetrennt zum
Netzteil geführt.
Es ist problemlos möglich, den kompletten
Vorverstärker im Doppelmonobetrieb mit getrennten Netzteilen pro Kanal zu
betreiben. Eine kleine Adapterplatine macht's möglich; das zweite Netzteil kann
direkt über die geschalteten Ausgänge des ersten aktiviert werden.
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Die Einschaltverzögerung zum modularen Vorverstärker, welche im letzten
Heft vorgestellt wurde |
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Dank doppelseitiger Platine fallen die Signalwege sehr kurz aus, und eine
zentrale Masseführung ließ sich realisieren. Der Fremdspannungsabstand der
Schaltung liegt schon ohne schützendes Metallgehäuse bei 72 dB, übertrifft die
maximal mögliche Dynamik der Schallplatte also um gut 10 dB, und dieser Wert
läßt sich durch den Einbau in ein abschirmendes Gehäuse noch verbessern. Der
Frequenzgang ist im Bereich von 20 Hertz bis 20 Kilohertz auf plus/minus 0,1dB
linear, und die Verstärkung bei 1.000 Hertz liegt bei 41 dB (110fache
Verstärkung), was für eine MM-Vorstufe im oberen Bereich üblicher Werte liegt.
Die beiden Pole, zwischen denen sich das Klangbild aufspannt, sind eine
Ausstrahlung von Ruhe und fundamentaler, unangestrengter Kraft, die keines der
anderen Schaltungskonzepte vermitteln konnte. Stimmen und Instrumente werden
plastisch, stabil und atmosphärisch dicht im dreidimensionalen Raum abgebildet,
was den Zuhörer die Entscheidung, 'wichtigeren Dingen' nachzugehen,
schwerfallen läßt.
Das Phono-Vorverstärkermodul bietet höchste Klangqualität zu einem sehr fairen
Preis.
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Einschaltverzögerung:
Dieses zierliche Modul ist als kleine steckbare Platine ausgeführt, die einfach
von oben in den vorgesehenen Steckplatz eingesetzt und mit zwei Abstandsbolzen
mechanisch fixiert wird. Sie schaltet das Ausgangssignal erst frei, nachdem sich
alle Arbeitspunkte des Verstärkers stabilisiert haben.
Realisiert wurde sie mit dem Timer-IC 555, das in der angegebenen Dimensionierung
von RT und CT nach etwa 17 Sekunden das Relais aktiviert. Eine Änderung der
Verzögerungsdauer ist einfach durch Vergrößern oder Verkleinern von CT möglich;
größere Werte erhöhen die Zeitspanne und umgekehrt.
Im Ruhezustand legt das Relais die Ausgänge der Vorstufe über kleine
11-Ohm-Widerstände an Masse. Der Signalweg bleibt dabei erhalten, die
Endstufeneingänge liegen also ebenfalls an Masse. Diese Lösung besitzt den
unschätzbaren Vorteil, daß der Signalweg nicht durch die Einschaltverzögerungs-
Platine und schon gar nicht über einen Relaiskontakt führt.
Ihre Stromversorgung bezieht die Schaltung aus der Heizspannung des Line-Moduls,
oder bei Betrieb mit einer Halbleiterschaltung aus deren Betriebsspannung. Ohne
angeschlossenes Netzteil kann das Relais natürlich nicht öffnen, es bleibt also
sehr ruhig im Lautsprecher...
Ferner ist eine Betriebszustandsanzeige auf der Platine integriert, die in der
Lage ist, über eine zweifarbige LED Auskunft über den momentanen Schaltzustand
zu geben. So kommt man nicht zum falschen Zeitpunkt auf die Idee, angesichts
des Verdachts zu niedrig eingestellter Lautstärke das Potentiometer aufzudrehen,
um dann nach Aktivierung des Verstärkers seine Lautsprechermembranen vom Teppich
kehren zu müssen.
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RIAA - muß das sein?
Im Vinyl der Schallplatte sind die Musiksignale des linken und rechten Kanals in die beiden Rillenflanken eingeprägt. Beim Abspielen wandelt das Tonabnehmersystem sie in elektrische Signale um.
Tiefe Frequenzen mit großen Wellenlängen und Amplituden beanspruchen viel Platz in der Schallplattenrille und führen deshalb zu extremen Auslenkungen der Nadel, hohe Frequenzen hingegen sind so klein, das sie nur schwerlich durch die Nadel abtastbar sind. Um dieses Mißverhältnis auszugleichen, werden bei jeder Schallplattenaufnahme die Höhen verstärkt und die Bässe abgesenkt. Die Kennlinie dieser Frequenzgangverbiegung ist allgemein verbindlich in den Fünfziger Jahren durch die Record Industrie of America Association, kurz RIAA, festgelegt worden.
Ein Phonovorverstärker muß nun nicht nur die niedrige Ausgangsspannung des Tonabnehmersystems - etwa 5 Millivolt bei MM- und 0,5 Millivolt bei MC-Systemen - auf Vorverstärker-taugliches Niveau von etwa einem Volt bringen, sondern auch den Frequenzgang wieder geradebiegen oder, wie die Fachleute sagen, entzerren.
Dafür gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Vorgehensweisen: Bei passiven Entzerrerschaltungen sitzen die frequenzgangbestimmenden Bauteile zwischen zwei Verstärkerstufen und schwächen das durchlaufende Musiksignal in Abhängigkeit von der Frequenz unterschiedlich stark ab. Aktive Entzerrer liegen dagegen im Gegenkopplungspfad zwischen Ausgang und Eingang der Verstärkerstufen. Aktiv entzerrte Phonostufen besitzen daher immer eine Gegenkopplung; in passiven Phono-Vorverstärkern können die einzelnen Verstärkerstufen - jede für sich - gegengekoppelt sein oder auch nicht.
Erfahrungsgemäß klingt eine aktive Entzerrung eher präsent, eine passive im Vergleich dazu wesentlich dezenter, wenn sie hochohmig ausgelegt ist. Bei niederohmiger Auslegung gewinnt das Klangbild deutlich an Kontur, Plastizität und Ausdruckskraft, ohne dabei ins Harte umzuschlagen. Die vor dem Entzerrernetzwerk liegende Verstärkerstufe muß allerdings entsprechend dimensioniert sein, damit sie die niederohmige Last treiben kann.
STECKBRIEF
Bausatzname: Modularer Phono-Vorverstärker MPV 1, passend zum modularen Motherboard MMB 1
Hersteller: Holger Stein HiFi Systems
Entwickler: Holger Stein
Art des Geräts: Phono-Vorverstärker für MM-Tonabnehmersysteme
Ca.-Preise Komplettbausatz:
MPV 1A (Basisversion ohne Stromquellen): DM 290,-
MPV 1 (No-Compromise-Version mit Stromquellen und ausgemessenen besten Bauteilen): DM 700,-
Zusatzplatine incl. Kabelsatz für den Betrieb mit kanalgetrennten Netzteilen: DM 50,-
Netzteil: ab DM 270,-
PREIS-LEISTUNGS-VERHÄLTNIS:
Klang: sehr gut
Ausstattung: gut
Verarbeitung: keine Bewertung, da Prototyp
DAS FIEL UNS AUF:
+ praktisch beliebig erweiterbares Modulkonzept
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